Ludwig Hardt.
Brief an Peter Panter

1926
Die Weltbühne
Rezensionen

Mein lieber Peter Panter, Sie erweisen mir die Ehre, Ihrem Essay über Franz Kafkas Roman 'der prozeß' ( in Nummer 10 der 'Weltbühne' ) einen Satz aus dem Nachruf voranzustellen, den ich dem Dichter gehalten. Ich möchte dies als Anlaß nehmen, zu Ihrem Aufsatz Einiges zu sagen. Daß die Dichtung ein Fragment geblieben ist und deshalb nach Ihrer Meinung, der ich beipflichte, » dies und jenes nicht ganz ausgeglichen « - wenn man Kafka recht versteht, so weiß man, daß ihm dies im Jenseits noch eine Wohltat sein muß. Ach, dieser Mangel: ein Aufatmen, eine Möglichkeit vielleicht, ein Spalt vielleicht, der Unerbittlichkeit des Dichters auf einige Zeit zu entrinnen! So unerbittlich, so grausam, so böse sein zu müssen und gleichzeitig unsäglich zu leiden an der entscheidenden Gabe des Genies, an der Unbeirrbarkeit, die bei diesem bestimmt war, den Menschen zu quälen - o, aus dem Grabe segnen seine Hände jeglichen Makel in seinem Werk! » Das Gute an meinem Drama ist, daß ich es Keinem zeige «, sagte er mir einmal. Und » das Gute « ist hier ganz wörtlich zu nehmen: aus Güte zeigte er Keinem das Drama; aus Güte hat er es verbrannt, aus Güte hat er alle seine Werke vernichten wollen! » Er war ein lächelnder Gerichtshof, vor dem er dringend sich seinen Freispruch verbat «: diesen meinen Satz über Kafka zitieren Sie vor ihrem Aufsatz. Ja, immer und immer wieder lud er sich zu Gericht, immer und immer wieder lautete sein Urteil über sich: » Schuldig «! Und er verurteilte sich zum Tode, so oft, bis er gelernt hatte, unter Schmerzen zu sterben und dabei nicht etwa heroisch oder zuversichtlich oder gelassen zu sein - nein, nett dabei auszusehen, um die Welt nicht mit dem Anblick seiner Qual zu betrüben. Er wollte nett dabei aussehen - als ausgleichende Freundlichkeit für die Härte seines Werkes.
Weiß ich also, wie willkommen dieser dieser freundlichen Frömmigkeit Franz Kafkas die Mängel in seinem 'Prozeß' sind, so möchte ich doch, mein lieber Peter Panter, einen Satz von Ihnen berichtigen, weil das nach meinem Gefühl dem Verständnis des schwierigen Werkes vielleicht ein wenig hilft. » Auch steht für mein Empfinden «, so schreiben Sie, » das grandiose Schlußkapitel etwas unvermittelt an dem vorletzten Abschnitt. « Der Held des Buches - und ein Held ist er wie sein Schöpfer: » Wer spricht von siegen? Überstehn ist Alles « - der Held wird also im letzten Kapitel gemordet; und im Buch kommt dieser Tod ganz unvermittelt, nicht wahr? Nun hat Max Brod, Kafkas Freund und würdigster Verwalter seines Nachlasses, neben andern unvollendeten Kapiteln ( aus Gründen, die ich nicht weiß ) ein Stück fortgelassen, das unter dem Titel 'Ein Traum' an andrer Stelle vom Dichter veröffentlicht wurde. Dieser Abschnitt könnte - Max Brod möge mir den Vorschlag gestatten - sehr wohl vor dem neunten Kapitel selbständig eingeschaltet werden; fehlen darf er keinesfalls in dem Roman. ( Er ist nachzulesen in Kafkas Band: 'Ein Landarzt' oder in meinem Vortragsbuch. ) Es ist die einzige Stelle im Roman, an der die Anonymität des Traumes aufgehoben wird; denn es beginnt mit den Worten: » Josef K. träumte. « Er träumt, wie auf dem Kirchhof sein Name in mächtigen Zieraten über den Grabstein jagt, und » entzückt von diesem Anblick, erwacht er. « Dieser zartesten Todesverzückung folgt im Roman die roheste Abschlachtung des Josef K., muß ihr folgen: denn für Josef K. gibt es keine Erlösung auf Erden; auch im Tode nicht.
Werden Sie nicht ungeduldig, wenn ich noch etwas zu sagen habe. Bei Ihrem Versuch, den Prozeß ungedeutet zu lassen, sagen Sie: » Also ein Traum? Nichts ist verkehrter für mein Gefühl, als mit diesem verblasenden Wort Kafka fangen zu wollen Dies ist viel mehr als ein Traum, dies ist ein Tagtraum. « Ein Traum also doch, nicht wahr? Richtig! So wahrfaftig wie Kafka in seiner Dichtung ist der Mensch nur im Traum. Nur im Traum sieht er so ruhig, so scharf und so gleichzeitig: den Herzschlag und die Hautfalte, die Weltenkuppel und die Gliederchen der Wanze. Im 'Prozeß' träumt das Gewissen des Dichters - das Ethos- und das Angstgrube-Gewissen -, träumt des Dichters und unser Aller Gewissen den Albdruck irdischer Gerichtsbarkeit. So sehr ist dies Buch ein Traum, daß alle, alle Träume aller Dichter dagegen ein lieblicher Wirrwarr oder ein phantastisches Gepolter sind. Es ist der erste Traum - wie die andern Werke dieses Dichters die erste Gestaltung des Traumes sind, und wie unsre alte Erde vielleicht Angst- und Reue- und Glücksträume Gottes sind. Und wenn wir danach weiterwachen - so müssen wir wohl weiterträumen; denn Franz Kafkas Wort hat uns die Welt geändert!
Leben Sie wohl, lieber Peter Panter, und nehmen Sie meinen Dank! In alter Kameradschaft! Ihr Ludwig Hardt

Die Weltbühne Nr. 22 / 1926, Seite 545 - 546